Schlaf, ein kleiner Einstieg.

Schlaf #schlaflos eher gesagt. Der Schlaf und seine Mythen. Nichts ist so umstritten und so häufig diskutiert, wie der kindliche Schlaf. Es gibt zig Ratgeber und diverse Trainingseinheiten, die dein Kind zum „durchschlafen“ bringen sollen.
Ich glaube nichts beschäftigt uns Eltern so sehr, wie der nicht vorhandene Schlaf unserer Kinder. Nichts zehrt so an unseren Nerven wie schlaflose Nächte. Nichts raubt uns so die Kräfte wie nicht enden wollende Einschlafbegleitungen.
Jeder wird davon ein Lied singen können, auch ich. Unzählige Nächte habe ich meinen Großen durch die Wohnung getragen, geschunkelt oder gestillt. Nächte lang stündlich aufgestanden, aufgewacht und in den Schlaf begleitet. Nächte lang neben einem Kind gesessen und das Händchen gehalten. Wir haben so viele Möglichkeiten ausprobiert und letztlich schlafen unsere Kinder jetzt einfach bei uns, wenn sie wollen.


Was man alles machen kann, folgt in weiteren Beiträgen, aber manchmal da hilft einfach Nichts. Dann kannst du nur an deiner Geduld arbeiten und dir vor Augen halten, dass sich diese Phase bald ändert. Immer wenn ich z.B. an meine Grenzen gekommen bin, dann habe ich mir vor Augen gehalten, dass Bindung kein 8 Stunden Job ist und die „harte“ Zusammenarbeit nie aufhört, sondern vor allem nachts Bindungsarbeit geleistet werden muss. Klingt hart, ist aber so. Kinder sind auf uns und unseren Schutz angewiesen, auch mit z.B. 5 Jahren noch. Kinder laden auch oder vor allem nachts ihren Bindungstank auf. Kinder brauchen uns vor allem nachts. Jeder Schlaf bedeutet Trennung, auch wenn das Kind neben uns liegt, ist es für den Augenblick des Einschlafens von uns getrennt. Daher hilft Körperkontakt, Nähe und Wärme den Kindern beim Einschlafen. Sie sehen uns nicht, aber riechen uns und spüren unsere Wärme.


Oft sind die Gründe für schlaflosen Nächte Einschlafprobleme, Durchschlafprobleme, Angst, schlechte Träume, die magische Phase, körperliche Umstände wie das Zahnen oder Krankheit. Ich denke bei einigen Kindern wird der Schlaf auch durch die aktuelle Situation (Corona) beeinflusst. Keine Freunde, kein normaler Alltag, keine Verwandtschaft, kein turnen usw. Das macht was mit den Kindern.

Also ihr seht viele Gründe für ein nicht schlafendes Kind. Was ihr nun alles machen könnt, um eure Herzensmenschen dabei zu unterstützen entspannt, ohne Druck und bedürfnisorientiert einzuschlafen folgt in weiteren Beiträgen (Schlaftipps).

Eins vorweg: Durchschlafen ist kein Erziehungsziel, Durchschlafen braucht Zeit, ist individuell und kommt irgendwann von selbst. Allerdings kannst du mit einigen Möglichkeiten deinem Kind beim einschlafen Unterstützung bieten. Alles wichtige folgt jetzt!

Schlaftraining für Kinder?

Ich habe mal eine Grafik für euch erstellt.

Darin könnt ihr die groben Entwicklungsabschnitte eines Menschen sehen. Fötus, Säugling/Baby, Kleinkind, Kind, Jugendlicher/Erwachsener. Ihr seht farbige Linien, die für Folgendes (vereinfacht dargestellt) stehen:

  • Die blaue Linie zeigt die Abhängigkeit eines Kindes von seinen Eltern: Babys können z.B. noch nicht alleine Nahrung zu sich nehmen, sich nicht selbständig waschen oder wickeln. Auch Kleinkinder benötigen noch häufig unsere Hilfestellungen (in vielen Bereichen).
  • Die rote Linie zeigt das Bedürfnis nach Nähe zu seinen Eltern (v.a. die körperliche) während der Entwicklung eines Menschen. Babys und Kinder benötigen einfach viel Liebe, Zuneigung und Körperkontakt. Wir Erwachsene doch auch. Wir kuscheln auch gerne, wir mögen es auch, Zuneigung geschenkt zu bekommen und wertschätzend behandelt zu werden.
  • Die gelbe Linie zeigt den Prozess des alleine schlafen Könnens. Während der Schwangerschaft ist der Fötus von uns Müttern geschützt und bekommt all seine Bedürfnisse automatisch gestillt.

Ab Geburt ist ein Neugeborenes/Säugling durchgängig abhängig von seinen Eltern. Mit der Zeit sinkt die Abhängigkeit zu den Eltern, auch das Bedürfnis nach Nähe zu den Eltern nimmt ab und Kinder schaffen es immer häufiger, selbständig einzuschlafen oder durchzuschlafen. Als Jugendlicher/Erwachsener ist ein Mensch meist selbständig, benötigt nicht mehr die körperliche Nähe zu seinen Eltern und kann alleine einschlafen.

So, warum sollen dann Babys und Kleinkinder zum Durchschlafen trainiert werden? Das ergibt für mich keinen Sinn.
Und in der Grafik sind noch nicht mal die bei jedem Menschen vorkommenden Wachphasen hinzugefügt, in denen von den Kleinen erwartet wird, sich selbst wieder in den Schlaf zu bringen. Erwachsene wachen auch mehrmals auf, nur erinnern sie sich nicht immer daran. Wir trinken nachts, wir gehen auf die Toilette, wir denken nach. Auch wir finden schlecht in den Schlaf, wir lassen vielleicht den Fernseher laufen, wir hören Musik, wir haben unseren Partner neben uns. Aber Kinder sollen alleine schlafen?! Wo ist da der Sinn?

Jap, liebes Elternteil, manchmal kannst du tun und machen was du willst, es hilft alles nix. Daher ein bisschen Hintergrundwissen zum kindlichen Schlaf: Schlaf unterliegt biologischen, kaum beeinflussbaren Funktionen!

So wie es die Babys gibt, die einfach recht bald lange am Stück schlafen, so gibt es auch diejenigen Babys, die trotz all deiner Bemühungen und Einhalten unserer Ratschläge sehr oft aufwachen und lange brauchen, um wieder in den Schlaf zu finden.


Und du kannst da nichts dafür, genauso wenig kann dein Baby etwas dafür. Denn, 1. wie viel Schlaf ein Kind braucht und 2. wie ein Kind einschläft ist ganz unterschiedlich und hängt von vielen – auch nicht erziehbaren – Faktoren ab!

  • 👶 Neugeborene schlafen so zwischen 14-18 Stunden am Tag.
  • 👶 4-11 Monate alte Babys ca. 12-15 Stunden.
  • 👧🏼👦🏼 1-2 Jährige ca. 11-14 Stunden.
  • 👦🏼👧🏼 3-5 jährige ca. 10-13 Stunden.
  • Kinder im Schulalter (bis ca. 13 Jahre) im Schnitt 9-11 Stunden.
  • Erwachsene dagegen va. 7-9 Stunden.


Das große Problem hierbei ist die Vorstellung des durchschlafens. Denn für viele heißt das abends ins Bett und erst am Morgen wieder freudestrahlend aufwachen. Allerdings wird durchschlafen als eine Schlafensdauer von ca. 6 Stunden bezeichnet, in denen ein Kind nicht länger als 20 min. am Stück wach ist und der Knackpunkt hierbei ist das eigenständige wieder einschlafen.

Wieso wacht ein Baby so oft auf? Das hat viele Gründe. Z.b. benötigen Säuglinge in regelmäßigen, kurzen Abständen Nahrung, um zu wachsen. Ein anderer Grund ist die Tatsache, dass Schlafen eine Trennung bedeutet und diese Trennung Kindern schlichtweg Angst macht. Manche Kinder wollen sich nicht trennen und haben daher große Probleme einzuschlafen. Kinder sind auf unseren Schutz angewiesen, das steckt in ihnen drinnen, wie bei uns die Angst vor Schlangen (hat nicht jeder, ja ich weiß).

Das Einschlafen und Durchschlafen sollte daher kein Erziehungsziel sein und es ist schlichtweg falsch anzunehmen, dass Kleinkinder möglichst bald selbständig werden müssen (Vorbereitung auf die raue Welt da draußen) und ein Kind, das früh durchschlafen kann, gleichzeitig selbständig ist.


„Es ist deshalb nicht gerechtfertigt, aus der Beherrschung dieses kulturell konstruierten Entwicklungsziels einen übergreifenden Reifungseffekt auf die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes abzuleiten.“ (Dr. med. Herbert-Renz-Polster).


Fazit: Schlaf unterliegt viel mehr biologisch-chemischen Prozessen, als dass es ein Ergebnis eines Erziehungserfolges ist. Wir können den Schlaf-Rahmen optimal gestalten, d.h. z.B. ein abendliches Ritual schaffen, Schlaff-Fenster abpassen, Körperkontakt und Nähe schenken, Ängste ernst nehmen usw., dennoch unterliegt das durchschlafen eben auch Funktionen, die wir nicht kontrollieren und beeinflussen können, wie etwa den biologischen Funktionen. Und genau diese, oft nicht kontrollierbaren Gegebenheiten, lassen uns an unseren elterlichen Fähigkeiten zweifeln. Sollte es nicht, denn wir können nicht alles mit optimaler Vorbereitung und Umsetzung beeinflussen, aber wir können uns dies bewusst machen. Indem wir die kindliche Entwicklung verstehen und akzeptieren lernen.

Warum kein Kind Schlafen lernen muss!

Wenn dein Kind unter Tränen erschöpft einschläft, dann waren seine Begleiter Angst und Hilflosigkeit.

Babys und Kleinkinder suchen und brauchen Schutz, Nähe und Nahrung. Das hat evolutionäre Gründe. Dadurch, dass in den ersten 3 Lebensjahren das Gehirn eines Kindes rasant wächst (um das 2 bis 3-fache), braucht das Kind auch Nachts sehr viel Energie (Nahrung: Brust/Flasche).

Zum Beispiel zeigen Studien, dass Babys, die gestillt werden, Nachts häufiger & mehr trinken (als nicht gestillte Babys), zwar erst später „durch“-schlafen, dafür passt sich aber der Schlaf von Mutter und Kind aneinander an und die Mutter kommt zu mehr und erholsameren Schlaf (Damit will ich aufzeigen, dass Babys die Nähe zur Mutter aus wichtigen Gründen suchen und dass es mir hier nicht ums stillen an sich geht, sondern um die nächtliche körperliche Nähe).


Wenn Babys mit z.B. 6 Monaten ausquartiert werden, weil die häufigen Wachphasen eines Babys falsch interpretiert werden („Schläft im eigenen Bett besser“), dann wird ihnen damit kein Gefallen getan. Kinder zeigen ihr Bindungsverhalten (weinen, rufen) sehr individuell und verschieden. Und sie legen ihr Verhalten recht schnell ab, wenn sie merken, dass niemand kommt. Daher hat die vermeintliche Tatsache, dass Kinder nach ein paar Nächten durchschlafen, nichts damit zu tun, dass Kinder wirklich lernen, dass Schlaf gut oder eine ausgeschlafene Mama viel geduldiger ist.


Sie haben immer noch im Dunkeln Angst und fühlen sich alleine, nur zeigen sie ihre Angst nicht mehr offensichtlich. Und während die Eltern tief und fest schlafen, sind ihre Kinder weiterhin immer mal wieder wach. Daher auch der Trugschluss: „mein Kind schläft durch!“ Dein Kind weint (quengelt) aus Angst und du bist nicht da!

Na Glückwunsch! [Natürlich schaffen Kinder es irgendwann mal wieder alleine ohne Angst einzuschlafen.] Das tragische am Schlaftraining ist, dass Eltern, die sowas durchziehen und ihre Kinder weinen lassen, dies zwar hören, aber ihr Bauchgefühl und ihre Intuition ignorieren. Da stehen sie dann lieber vor der Türe und warten bis das Kind vor Erschöpfung nachgibt und einschläft. Ja, dein Kind schläft! Und seine ständigen Begleiter sind Angst und Hilflosigkeit! Du hast jetzt wieder mehr Schlaf, dafür hat eure Bindung einen enormen Vertrauensbruch erlitten.

Von daher…

Liebe Eltern, es gibt kein Erfolgsrezept, um eure Kinder zum durchschlafen zu bekommen. Es gibt keine fancy Strategien und auch kein ganz bekanntes Buch kann’s ändern.

Es ist wie es ist. Kinder schlafen irgendwann von selbst durch.

Allerdings gibt es verschiedene Grundvoraussetzungen und Rahmenbedingungen, die helfen, dass ein Kind entspannt einschläft.
Wie viele sicherlich bereits wissen, hat es einen Grund, weshalb Babys und Kleinkinder ungern alleine einschlafen und schlafen wollen. Diese Gründe sind evolutionärer Natur. Wir wollen überleben und als Kind überleben wir nur in der Nähe unserer Eltern. Auch im Schlaf.

Die heutige Schlafkultur, die wir für Kinder (eigenes Zimmer, mit eigenem Bett, getrennt von den Eltern) vorsehen, deckt sich nicht mit den von der Natur gedachten Grundbedürfnissen wie Hunger, Nähe und Schutz.


Babys und Kinder haben alleine in der Nacht Angst. Diese Angst steckt tief in uns drinnen. So wie die meisten Menschen Angst vor Schlangen haben, obwohl es in unseren Breitengraden kaum giftige Schlangen gibt.


Was braucht ein Kind dann zum Schlafen?

  • Dein Kind muss in erster Linie müde sein, damit es einschläft. Viele Kinder sind oft noch gar nicht müde, wenn wir sie hinlegen. Wer kennt das nicht? Der Tag war lang und stressig. Wir sehnen uns die Abendstunden herbei, endlich Zeit mit dem Partner, also legen wir unser Kind hin. Oft zu früh. Da hilft vor allem am Tag viel Bewegung an der frischen Luft und ausgiebiges Spielen, um müde zu werden.
  • Dein Kind hat eine eigene innere Uhr. Versuche, die Signale kennen zulernen, die dir dein Kind zeigt, wenn es müde ist und nutze diese Zeitfenster, um dein Kind bett fertig zu machen. Kleinere suchen vielleicht die Brust, andere reiben sich die Augen und gähnen.
  • Wenn dein Kind das abendliche Zubettgehen mitbestimmen kann, z.B. den Schlafanzug aussuchen oder die Gute-Nacht-Geschichte, dann hat dein Kind das Gefühl, den Prozess kontrollieren zu können. Und somit geht das Zubettgehen ein Stück mehr von deinem Kind aus.
  • dein Kind muss sich entspannen können, einen Weg finden abzuschalten. 
  • Wenn du dein Kind plötzlich aus dem Spiel reißt, weil es jetzt ins Bett muss, dann ist dein Kind im Bett noch mit dem Kopf beim Spielen. Daher kündige das Zubettgehen rechtzeitig an und plane viel Zeit ein. Der Prozess beinhaltet dann vielleicht erst ein ruhiges Spiel, Zähne putzen, waschen, Geschichte usw.
  • die Schlafhygiene ist ein zentraler Begriff, wenn es ums Thema Schlaf geht. Auch für Erwachsene. Es wird empfohlen, dass mind. eine Stunde vor dem Zubettgehen auf keinen Bildschirm mehr geschaut werden soll, Entspannungsübungen vor dem Schlafen können helfen abzuschalten, Licht verdunkeln, nichts schweres mehr vor dem Zubettgehen essen usw.

Nicht jedes Kind kann sich selbst in den Schlaf regulieren, viele brauchen noch lange die körperliche Nähe und die Sicherheit der Eltern. Und dies in jedem Alter immer mal wiederkehrend. Wir akzeptieren das. Manchmal hilft nur das. Die Gegebenheiten akzeptieren und die Kraft statt in Ursachenforschung in unsere Kinder stecken.