Autonomiephase

Ich mag das Wort Trotzphase nicht! Es ist so negativ besetzt. Irgendwie klingt das für mich so, als würden Kinder mit Absicht etwas machen, um uns Eltern wütend zu machen, sozusagen provozieren.


Während meiner ErzieherInnen-Ausbildung habe ich gelernt, dass Kinder um das 3. Lebensjahr herum trotzen, um ihre Grenzen zu erfahren und unsere zu testen. Sie provozieren und müssen Grenzen gesetzt bekommen.
Durch mein Studium und durch das Mama sein sehe ich das komplett anders.


Ich/Wir reden daher lieber von der Autonomiephase. Warum? Weil diese Phase kein Defizit der kindlichen Entwicklung darstellt.


Es gibt viele Erklärungsmodelle: Kinder können von der Hirnreife her ihre Emotionen noch nicht regulieren, wollen mehr, als sie können, stehen sich selbst im Weg und durch die erst mager vorhandene Sprachfähigkeit können sich Kinder nicht mitteilen…


Betrachten wir doch mal das Positive und die Vorteile dieser Phase. Und schauen wir doch mal durch Kinderaugen hin:
Kinder erkennen, dass sie ein eigenes „Ich“ besitzen und dass sie eine eigenständige Person sind.
Sie lernen ihren Willen kennen.
Sie erkennen, Kontrolle über sich zu haben.
Sie wollen Selbstbestimmung. Sie setzen sich für sich ein. Das ist doch toll, oder?

Das wünschen wir uns doch für unsere Kinder. Und der erste Weg zur Selbständigkeit führt nur über uns Eltern. Den Menschen, die dem Kind am nächsten sind. Erst durch Abkapselung (vom Kind aus), kann ein Kind die Welt erkunden. Aber erstmal nur ganz vorsichtig und langsam. Schritt für Schritt. Und jeder Schritt ist einer in neue und fremde Situationen. Dafür braucht uns das Kind. Um selbständig zu werden. Um herauszufinden, wie weit es sich von uns weg traut und wie schnell es seinen Mut/Kraft Tank wieder auffüllen kann.

„Wenn das Kind trotzt“

Möglichkeiten wie du die Gefühle deines Kindes begleiten kannst.

Immer wieder liest man, dass wir die Gefühle unserer Kinder begleiten sollen. Im Folgenden möchte ich gerne darauf eingehen, was begleiten bedeutet und warum es so wichtig ist.

Vorweg: Jede Emotion ist richtig und wichtig und möchte gelebt und gespürt werden. Nehmen wir mal an, Dein Kind versucht, über einen längeren Zeitraum, Spielzeug X auf Spielzeug Y zu legen, was physikalisch gar nicht möglich ist. Irgendwann überkommt es der Frust und es zeigt dieses durch Wut, Trauer, Enttäuschung oder gar Tränen. Spielzeug X fliegt durch die Luft, Spielzeug Y fliegt an die Wand! Dein Kind sitzt traurig am Boden.

Schritt 2: Körperkontakt herstellen (vom leichten berühren der Schulter bis zur Umarmung ist hier abhängig vom Kind alles in Ordnung). Bei einigen Kindern reicht es auch, daneben zu sitzen. Hauptsache ist, es nicht alleine zu lassen.

Schritt 1: Auf Augenhöhe gehen (niederknien)

Schritt 2: Das Gefühl verbalisieren. „Du bist wütend, weil das nicht funktioniert, das kann ich verstehen!“

Was passiert: Die Bindungsperson zeigt sich empathisch und benennt das Gefühl. Auf lange Sicht hilft das dem Kind, Worte für seine Emotionen zu finden. Etwas benennen zu können, hilft beim Verstehen und Begreifen.

Schritt 3: Dem Kind Lösungen aufzeigen oder falls es keine Lösung gibt, Frust gemeinsam aushalten, trösten und weiter empathisch sein. Strategien aufzeigen.

Wichtig: Jedes Gefühl muss ernst genommen werden. Würde die Bindungsperson in der oben erwähnten Situation das Gefühl herunterspielen mit den Worten: „Stell Dich nicht so an! So schlimm ist das nun auch nicht!“ oder gar das Gefühl des Kindes ignorieren und versuchen, statt zu begleiten, das Kind abzulenken mit den Worten: „Sieh mal, dort habe ich noch etwas Schokolade für Dich“, würde es das Kind sicher trösten. Aber was passiert:

  • Das Kind fühlt zwar Wut, Trauer, Angst, Frust, etc., aber die Bindungsperson vermittelt durch ihr Verhalten, dass dieses Gefühl nicht angebracht / richtig / da oder erwünscht ist!
  • Dem Kind wird so die Möglichkeit genommen, das Gefühl als solches Wahr zu nehmen, damit umzugehen und Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Bei Ablenkungsmanövern wird das Gefühl überlagert (z.B. Schokolade). Die Überlagerung kann sogar dazu führen, dass bei mehrfacher Anwendung Essen als Bewältigungsstrategie genutzt wird.
  • Es fühlt zwar, aber die Bindungsperson sagt, dass dieses Gefühl falsch ist / nicht da ist. Eine sehr verwirrende Situation für ein Kind. Ein Kreislauf beginnt.
  • Kleinkinder sind noch nicht in der Lage, ihre Emotionen umzulenken oder zu reflektieren. Dazu brauchen sie uns. Wir sollten uns, wie so häufig, als Dolmetscher verstehen und nicht müde werden, ihre Emotionen zu benennen und darauf einzugehen.
  • Nur so lernen sie einen gesunden Umgang mit ihren Gefühlen, sind nicht gezwungen, diese in Schubladen zu verschließen und ihre Bedürfnisse zu unterdrücken. Bedürfnisse sind nichts Weiteres als Gefühle, die benannt werden. Unterdrückte Bedürfnisse bleiben bestehen oder suchen sich einen anderen Weg.

Trost spenden

Warum empathischen Trösten deinem Kind hilft seine Gefühle zu verstehen

Dein Kind weint, tobt, ist außer sich und wird von einem Gefühlssturm förmlich mitgerissen? Oder es zieht sich zurück und trauert leise und still? Da ist jedes Kind individuell und auch die Auslöser sind unterschiedlichster Natur…

😔Vielleicht wurde eine Spielverabredung abgesagt

😔vielleicht gab es nicht das Mittagessen was es sich gewünscht hat

😔vielleicht ist es traurig weil der Papa zur Arbeit muss…

😔 oder es ist hingefallen und das Knie schmerzt

Dann braucht dein Kind Trost! Doch wie kann Trost aussehen?

➡Komm wir fahren gleich los und kaufen dir was Schönes…

➡Ach komm, hier ein paar Bonbons für dich, die magst du doch so gerne!

➡so schlimm ist das gar nicht oder ein Indianer kennt keinen Schmerz

➡Oder noch während des Weinens versuchen das Kind mit einem Spielzeug oä abzulenken

Um nur ein paar Beispiele zu benennen, auf welche Art und Weise häufig getröstet wird.

All das wirkt natürlich für den Moment, aber in Wirklichkeit überdeckt es lediglich das Gefühl der Traurigkeit. Und das ist der springende Punkt. Es ist kein wirklicher Trost, es ist nur eine Überlagerung der Gefühle! Ein Verdrängen! Ein Trostpflaster…

Echtes Trösten bedeutet für das Kind da zu sein! Ihm zur Seite zu stehen und der Trauer, der Wut, der Enttäuschung, etc einen Raum zu geben! Es bedeutet diese Gefühle gemeinsam auszuhalten und mitzufühlen! Die Gefühle zu begleiten und auch zu benennen!

In Form von Körperkontakt, Nähe, vielleicht auch nur daneben sitzen! Wichtig ist es einfach da zu sein! Besonders kleine Kinder sind noch nicht in der Lage sich selber zu regulieren und brauchen dazu unsere Unterstützung! Auch darüber zu sprechen ist eine gute Möglichkeit (altersabhängig)

Denn so wird das Kind lernen dass all diese Gefühle reell und in Ordnung sind. Das alle Gefühle einen Platz und eine Berechtigung haben und es wird Mechanismen entwickeln mit diesen Gefühlen dauerhaft umzugehen! Auch im späteren Leben!

Jede Veränderung bedeutet für dein Kind Kooperation.

Folgende Situation:

du bist mitten in der Hausarbeit und so richtig im Flow, da klingelt es an der Tür! Die Nachbarin steht davor und das passt dir gerade überhaupt nicht. Du bist genervt weil du eigentlich noch etwas zu Ende bringen möchtest.

➡Wie fühlt sich das für dich an? Was würdest du am liebsten tun?

Szenenwechsel: Dein Kind spielt völlig vertieft mit den Bauklötzen. Da kommst du dazu, nimmst es auf den Arm und willst es wickeln, zum Einkauf, Essen, etc. abholen.

Dein Kind protestiert und verweigert sich.

Was glaubst du fühlt dein Kind in dem Moment?

Für jeden, ob groß oder klein, ist die Planbarkeit eine Voraussetzung für gute Kooperation! Das Einbeziehen deines Kindes in alltägliche Abläufe ist zudem der erste Schritt zur Partizipation und zum Verständnis füreinander! Vorgelebte Empathie wird zur gelebten.

Also gib deinem Kind die Chance zu verstehen, mit einbezogen zu werden und den Alltag gemeinsam zu gestalten!

Überlege stets:

➡ist es wichtig genau jetzt zu wickeln/los zu fahren/ zu essen oder hat das Kind die Möglichkeit das Spiel zuerst zu Ende zu spielen!

➡kündige dein Vorhaben an! Besprich es mit deinem Kind! Das funktioniert altersunabhängig.

➡ bei größeren Kindern visualisieren. Nutze zum Beispiel eine Sanduhr als Mittel um Zeiten für dein Kind begreiflich zu machen.

➡erzähle deinem Kind von dem jeweiligen Tagesplan. Gib Raum für Kuschelzeit und gemeinsames Spiel und besprich auch dieses mit deinem Kind.

➡Ist es möglich deinerseits etwas flexibler zu sein. Kämpfe nicht um fünf Minuten! Versuche entspannt zu bleiben und situationsbedingt zu handeln!

WISSENSWERT

Kinder wollen immer kooperieren, nur ist ihre Möglichkeit dazu begrenz. Überlege stets wo dein Kind tagsüber bereits kooperiert hat. Schau auf die kleinen Momente, das alleineige Schuhe anziehen, das Warten bevor es Frühstück gibt, usw.

Wenn dein Kind sich verweigert.

Dein Kind sagt immer wieder „nein“, jede Aufforderung wird zum gefühlten Machtkampf.

Grundsätzlich versuche zu erkennen, dass in dem „Nein“ auch die Selbstständigkeit und das Bedürfnis nach Wachstum und Entwicklung spricht! Dein Kind hat einen eigenen Willen, den es zeigt und leben möchte! Die Autonomiephase bedeutet selbstständig werden und ist ein großer Schritt in der Entwicklung deines Kindes! Es ist also auch positiv was da gerade passiert.

Trotzdem bringt es dich sicherlich manchmal an deine Grenzen! Daher ein paar Handlungsmöglichkeiten für dich:

Versuche Aufforderungen anders zu formulieren! Ein Nein sollte also gar nicht erst die Antwortmöglichkeit zur gestellten Frage werden!

Dazu habe ich ein paar Beispiele in den Bildern gemacht.

Bedenke dass die Kooperationsbereitschaft begrenzt ist. Es gibt ein natürliches Kontingent, abhängig vom bisherigen erlebten des Tages. Gib deinem Kind immer wieder die Möglichkeit mitzubestimmen. Nimm es an die Hand und begleite es durch die, für ihn augenscheinlich, schwierige Situation. Mache klare Vorschläge, begrenzt auf 2 Auswahlmöglichkeiten, wenn es ein dringendes Thema ist. So beziehst du dein Kind automatisch mit ein.

Bleib flexibel und versuche situationsbedingt zu handeln. Versuche zu spüren was dein Kind vielleicht gerade braucht und verbalisiere deine Ideen. Werde zum Sprachrohr deines Kindes.